Oetzi-Traum
Aufstellung in Sölden
27.8.06, 5:55 Uhr, Hotel Tiroler Adler, 100 hm über und 300 m fern der Startaufstellung. Seit einer halben Stunde findet unten in Sölden die offizielle Startvorbereitung und Aufstellung statt. Warum so früh weiß kein Mensch, wahrlich kein Ort der Gemütlichkeit so mitten in der Nacht morgens um halb Sechs auf regennasser Straße.
Immer noch vorm Tiroler Adler, es ist dunkel, arschkalt, der Regen der Nacht hat aufgehört, ein letztes Biker-Brille zurechtrücken, rein in die Klickies und vor Nervosität auch gleich danebengetreten und elegant abgerutscht...prima...wenn’s so weitergeht....
Mit den anderen Verrückten (Bernd + Markus) will ich mich vor deren Pension „Sonstwas-Obergurgel-Blabla“ treffen, gegenüber der Tanke am Startbereich. Aber ich habe immer noch meine dunklen Spiegel-Sonnengläser in der Biker-Brille (mit geschliffenen Gläsern) und deshalb seh ich nix so früh morgens bzw. mitten in der Nacht, nur mit ach und krach drei Meter weit, und das nur direkt unter Straßenlaternen. Und ohne Brille geht bei mir sowieso nix, schon gar nicht das Suchen irgendeiner Gurgel-Pension. Also Plan verworfen, nix mit Kumpels treffen und letztes Gutzureden, die Kumpels werden sich schon ohne mich aufstellen. Vereinbart war ja sowieso ein gnadenloses Einzelkämpferrennen ohne jedes Teamwork, ohne Schuschu und Schischi, Mann gegen Mann, Blödmann gegen Blödmann, Marathon-Tretmaschine gegen Bike-Berserker.
Also rein in den rasant größer werdenden Pulk und aufgestellt. Vielleicht 1000 oder 2000 Biker haben sich bereits vor mir den Platz gesichert, obwohl das Rennen erst in einer halben Stunde beginnt. Wenn’s denn was bringt...und wer’s braucht, so früh morgens...und wenn ich was sehen könnte, dann würde ich jetzt auch die Temperatur von meinem HAC-Bikecomputer lesen können...Mist! Meine HAC! Kack! Ich habe vergessen die Höhe zu eichen. Scheiße! Keine korrekte Höhenanzeige und das bei einem Marathon, dessen wichtigster Parameter die HÖHE ist. Der erste elementare Genickbruchfehler. Wie konnte das passieren?! Der Marathon ist vorbei. Ende. Aus. Ohne diese Anzeige bin ich als Ausrüstungsfetischist absolut aufgeschmissen. Niemals werde ich diesen Marathon ohne den exakt ermittelten Höhenwert beginnen geschweige denn beenden können. Dabei hatte ich mir doch gestern Abend alles nochmals schön sauber hingelegt, damit ich heute morgen auch ja nix vergesse und nun das. Keine Höhe. Wo bin ich, wer bin ich und wie heiße ich...und vor allem wie hoch bin ich hier?! Ich schätze 1300 – 1400 müNN. Also stelle ich mal die Hälfte ein...1350. Und da es ja jetzt noch dunkel ist und ich dazu mit dämlicher Sonnenbrille unterwegs bin ist dies ein erstes extrem beunruhigendes Gefummel und Gemache und wildes Tastengedrücke auf meiner HAC. Ich erinnere mich, dass ich genau sowas unter allen Umständen bei meinem ersten Marathon und überhaupt und sowieso vermeiden wollte.
Nun denn, in Anbetracht dieser absoluten Katastrophenpanne beginne ich, über eventuelle weitere noch versteckte Pannen nachzudenken. Hab ich noch was vergessen? Klamotten? Ok. Bike? Ok.
HALT!!! Kurz vorm Einschlafen gestern Abend ist es mir ja noch eingefallen...was ich heute morgen unbedingt noch im Hotel machen wollte!!! Meine Reifen! Der Luftdruck! Ich wollte noch 1-2 bar nachpumpen um reibungsminimiert mit 8 bar an meinen Kumpels vorbeizuziehen! Ich werde wahnsinnig! Ich Depp, blöder! Herrgott schmeiß Hirn rar! Da optimiert man ein ¾ Jahr am Rad rum, wurschtelt und tut und macht, gibt Unsummen fürs Tuning aus, ich denke an 40 € für einen einzigen Carbon-Trinkflaschenhalter um bestenfalls weitere 20 g zu sparen, und dann steht man am Tag X da wie Hein Blöd, mit viel zu wenig Druck in den Reifen, frierend am Start, mit Sonnenbrille in der Nacht und ungeeichter HAC! Am besten ich geb gleich auf, mit so einer scheiß Vorbereitung holen andere nicht mal Brötchen vom Bäcker.
Vor mir stehen ein paar Holländer. Ein Team oder ein paar Kumpels, egal. Jedenfalls rundumversorgt von deren Trullas direkt neben der Absperrung. Die sollten jetzt schon einen 1. Preis fürs Permanentrumkramen und Unruhestiften bekommen. Ständig werden irgendwelche Jäckchen und Wolldeckchen gegen den nicht vorhandenen kühlen Wind und gegen sonstiges Unwohlsein hin und hergereicht, direkt über mich hinweg. Bei jedem Mal Rüberbeugen zur Versorgungs-Trulla eiern sie gegen meine hochsensible feinstgetunte Edel-Carbon-Alu-Samt-und-Seide-Rührmichnichan-Rennmaschine. Und noch mal und noch mal und wieder und wieder. Es gibt Typen, die merken nicht, wenn sie auf anderer Leute Gesicht rumtrampeln. Solche Leute gibt’s einfach. Ob sie wohl merken würden, wenn ich ihnen hier und jetzt in den Hintern trete?
In solchen Fällen hilft mir am besten die Phantasie. Einfach gedanklich in ein Bloody-PC-Spiel flüchten, am schönste bietet sich die DOOM-Welt an, stellt irgendein Full-Weappon-Modus und ein und schmeißt einen Sack voller Atombomben auf diese Geschlechtsdeppen hier.
Meine Nerven sind für so was aber jetzt nicht ausgelegt. Schon gar nicht um diese Uhrzeit. Außerdem bin ich ja ein lieber Friedlicher.
Mittlerweile 6:20, der Sprecher vorne trötet was von gleich geht’s los. Jedenfalls wird’s langsam auch etwas heller, ich sehe 10°C auf der Bikeuhr. Habe mit geringerer Temperatur gerechnet. Auch positiv: bis jetzt kein Regen. Die ganze Nacht durch hats ja wolkenbruchartig geregnet, dementsprechend sind die Wolken noch bedrohlich dunkel und hängen tief. Naja, eine Plüsch-Tour hatte ich auch nicht erwartet, wir werden sicherlich noch ordentlich eingeseift werden, mit Regen und Graupelschauern, aber ich habe ja zum Glück schön wenig Luft in den Reifen, das sorgt auf regennasser Fahrbahn bestimmt für mehr Haftung...und ist auch auf langen Strecken komfortabler...ganz bestimmt.
Es ist 6:28, gleich ist Showtime. Noch schnell die Regenhülle in die Trikottasche gestopft, kein Flattern oder aufgeblähtes Regengedöns soll den am Anfang anstehenden kilometerlangen Downhill nach Oetz einbremsen...dafür sogen schon meine platten Reifen...aber genug davon.
Die Konzentration steigt nun bei allen Beteiligten, versteinerte Gesichter hochtrainierter Typen, alles sicherlich knallharte Fighter die mich gleich alle überrollen und vernichten werden, darunter auch Frauen, teils sehr gut aussehende dazu, fast alle ruhig und konzentriert auf den Start fixiert...nur meine Holländer nicht...hier werden noch Deckchen hin- und hergereicht....gleich gibt’s bestimmt noch die Schnabeltasse mit warmem Kakao....aber da ich auch immer in der falschen Schlange an allen Kassen der Welt stehe ist das hier jetzt normal.
Sölden – Oetz
6:30 Uhr, Startschuss, lauter Knall. Der Pulk bewegt sich erst mal gar nicht, dann zähfließend und zähfließend und zäh und zäh....bäh. Gebt doch einfach alle Gas und gut is! Ich höre einen kuren Ruf „Holger“, während ich an meiner liebsten Kirsten vorbeiziehe und winke in ihre Richtung. Dann geht’s los, wie von selbst wird die Geschwindigkeit jetzt blitzartig rasant, Unterlenkerposition, Vollgas und in den Downhill gestürzt...so wie auch die gesamte hungrige Meute vor und hinter mir. Im Millimeterabstand von Vordermann-Hinterreifen zu Hintermann-Vorderreifen dicht an dicht pfeifen wir am ersten Unglücklichen vorbei, der mit Reifendefekt am Rand steht. Ein ehrfürchtiges Raunen geht durch die rasende Reihe. Bloß bitte jetzt nicht so was. Lieber Herrgott, wenn’s sein muß glaube ich ab jetzt an dich aber bitte lasse den Defekte-Kelch jetzt und hier an mir vorbeigehen, wenigstens auf den ersten Kilometern.
Wir rasen mit 73 km/h Richtung Oetz. 4000 Marathonisti und ich.
Habe mal was in der TOUR gelesen von Windschattenfahren und deren Zeichengebung. Angelesene Marathonerfahrung eben. Das hilft mir zumindest beim Deuten der teilweise sehr eigenwilligen Fuchteleien einiger Ötzi-Kollegen. Und so fuchtelt der gerade vor mir Fahrende irgendwas, ich deute Gefahr von rechts, gebe das Zeichen weiter und ziehe leicht nach links. Der Fahrer rechts neben mir versteht Bahnhof und bleibt auf seiner Spur. Pech. Er rast fast in einen weiteren Pannen-Kandidaten der mitten auf der Straße steht. Beinahekollision mit nachfolgender Beinahe-Massenkarambolage: „JO SCHPINNSCH DENN DU SECKL BLEEEDER ARSCH DUUU“ schreit mein Bahnhof-Blicker laut rum, längst an allem Unbill vorbei. Die Fahrt geht weiter.
Wir biegen in Oetz ab Richtung Kühtai. Etwas durchgefroren vom über 30 km langen Downhill bei 9-10°C.
Ab hier gilts. Bis hierher kann jeder. Runterrollen gilt nicht. Keine verbuchbare Eigenleistung. 30 km geschenkt. Jeder windschnittige Dickmops hätte mithalten können, also schnell vergessen und rauf auf den vor uns liegenden Kühtai-Sattel.
Oetz – Kühtai:
7:12 Uhr. Berühmtberüchtigt mit seinen teilweise 17% Steigung, sagenumwoben, in einschlägigen Büchern beschrieben, mit Bildern schiebender ausgepumpter Biker unterlegt “...unterschätze das Kühtai nicht...“
Vorgestern hatte ich mir den Berg noch als letztes Training angetan und für mich als machbar eingestuft, allerdings bei bestem Wetter. Da ich bisher keinerlei Marathonerfahrung habe, fahre ich strikt und penibel nach Puls. Von meinem Training (4600 km bisher dieses Jahr) weiß ich, dass für mich 165 Schläge/min das Maximum sind um lange Strecken durchzuhalten. Aber alle sprechen beim Marathon vom „Mann mit dem Hammer“ und anderem fiesen Zeug, dass einem im letzten Viertel einer Marathondistanz auf den Kopf fallen soll, jedenfalls dann wenn man sich zu früh verausgabt hat. Also nehme ich mir für das Kühtai einen max. Puls von 155 vor, schön auf Sicherheit, keine Bestzeit-Ambitionen im Kopf, auf keinen Fall will ich irgendwann schieben oder ganz aufgeben müssen. Und so kurbel ich mich langsam das Kühtai hoch, 1200 hm auf 18 km.
„Prust- keuch – prust - keuch...“ es ist kaum zu fassen wie hier bereits einige Biker nach wenigen hundert Höhenmetern aus dem letzten Loch pfeifen. Wissen die wo wie hier sind? Und viel wichtiger: wissen die was da noch kommt? Mit hochroter schweißnasser Birne, zittriger Lenkerführung, überlebenskampfartigem Schnaufen bei Höchstpuls geht’s für einige hier hoch, Oetz hinter uns noch immer in Rufweite...
...aber es erwarten uns ja nur noch einige tausend Höhenmeter...schafft ihr schon.
Es gibt auch die anderen, die lockerflockig auf großem Kettenblatt hier hochknallen als wär’s ein kleiner Hügel der hinter der nächsten Kehre zu Ende ist und sich ein Runterschalten deshalb nicht lohnt. Wahnsinn, wenn die das Tempo so durchhalten...ich jedenfalls muss jetzt mal flüssig austreten und suche mir eine Kehre, an der ich mich zum pinkeln nicht anstellen muss.
So langsam das Kühtai hochkurbelnd sehe ich mir nebenbei das technische Equipment meiner fies-feisten Feinde und Gegner...oder besser: meiner „lieben Wegbegleiter“...an.
So unterschiedlich wohl auch die konditionellen Vorraussetzungen sind, so unterschiedlich ist auch das Niveau der Ausrüstung. Teilweise schnurren hier Vollkarbonräder für mehrere tausend Euro hoch, Scott, Canyon, Cannondale, Storck, Klein, de Rosa, Bianchi, Colnago...nichts ist zu teuer, und direkt daneben das Quietschen ungeölter Kette an lila 80er-Jahre-Stahlrahmen mit Schrottcharakter. Mit einigen will ich wirklich nicht tauschen.
Wir schrauben uns über die Baumgrenze, noch ein paar Meter dann ...„I’m on the highway to hell...jäh jäh jäh...!”
Yesss! Von oben schallt AC/DC Music, schon lange nicht mehr gehört den alten Mottenfiffi, aber er verfehlt die Wirkung nicht, die Motivation steigt.
8:46 Uhr. An der ersten Labestation oben auf dem Kühtai herrscht das totale Chaos. Kreuz-und-quer-Panik wildgewordener Rennbiker. „Disziplin verdammt noch mal“, „alle in Reih und Glied und STILLGESTANDEN!“ oder zumindest „aus der Bahn und GASSE!“ schreie ich in mich rein und mache das was alle tun, rämpel mich mitsamt dem Rennbike zu den Bananen durch, die sollen ja helfen, würge mir zwei von den schon etwas bräunlich-angegammelten Dingern rein, lasse mir nebenbei von einem Helfer mit überdimensional großer Gießkanne für Gäule meine Trinkflasche voll machen und springe wieder aufs Rad. Und springe wieder runter vom Rad, da ich noch etwas vergessen habe was hier auch alle und überall tun und ich auch schon wieder tun muss: an Ort und Stelle austreten...
Kühtaisasttel – Innsbruck
Schnell die Regen- bzw. Windjacke drübergeworfen und ab dafür. Jetzt kommt der Downhill bei dem anscheinend (nach Literatur) auch 115 km/h drin sind.
Das will ich auch.
Das geht aber nicht.
Regennasse Straße, aufgeweichte Kuhscheiße großflächig verteilt...teilweise auch in den Kurven...trotzdem geht’s kamikaze-artig den Berg runter. Hirn ausgeschaltet, Oberkörper nach unten, Genick und Arsch nach oben, Beine zusammen für einen optimalen cw-Wert, aber vielmehr als 70 km/h sind hier trotzdem nicht drin, auch weil ständig andere Verrückte die Kurven ein paar Millimeter vorm eigenen Vorderrad schneiden.
Ein paar Dörfchen weiter geht’s dann durch Innsbruck, abgesperrte Straßen und Vorfahrt für uns Biker...Schwupp-Zisch-Fatz und durch...ein Traum.
Innsbruck – Brenner – Sterzing
9:25 Uhr. Hier beginnt die einzige Uphill-Strecke, die ich mir vorm Marathon nicht angesehen hatte. Die paar Höhenmeter am Brenner...pah! Die nimmt man so mit....dachte ich noch gestern.
Von Innsbruck geht’s mit hohem Tempo über Landstraßen, immer leicht bergauf. Ich suche mir eine schnelle Gruppe aus 4-5 Fahrern und hänge mich hinten dran. Irgendjemand macht da vorne eine wahnsinns Führungsarbeit. Bei dem Tempo, immer zwischen 30 und 40 km/h, wollte ich jetzt nicht da vorne gegen den Wind kämpfen müssen.
Auch bergauf behält die Gruppe das hohe Tempo bei, ich bleibe erst dran, der Puls geht über 165 und ich lasse abreißen...Kräfte sparen für die „richtigen“ Berge....sollen die sich doch alle auspumpen hier.
Eine langsamere Gruppe surrt vorbei und ich hänge mich hinten dran. Ab jetzt gehts moderater weiter...schön locker...gemäßigt....langsam....laaaangsaaaaaam. Was soll das?! Fährt da vorne jemand mit gezogener Bremse oder warum geht’s hier nicht voran? Ich arbeite mich nach vorne und habe schließlich eine Rasselbande von etwa 20 Fahrern hinter mir. Ziehe mein Tempo durch und fahre der Gruppe davon, keiner geht mit.
Naja, weiter vorne wird schon noch eine für mein Tempo optimalere Gruppe fahren, aber um diese zu erreichen müsste ich erst schneller sein um sie einzuholen, also Tempo. Ich mache Druck auf dem Pedal in der Hoffnung bald am Horizont die ersehnte Gruppe zu finden...aber stattdessen nur eine langgezogene Kurve nach der anderen bei ständig leichtem Bergauf...und kaltem Nieselregen.
Wie’s aussieht habe ich den Fehler des Jahres gemacht: Bin im völligen Größenwahn aus dem energiesparenden Windschatten einer gemäßigten Gruppe ausgebrochen um nun hier wie ein Anfänger vorzupreschen und alleine auf weiter Flur mit viel zu hohem Puls während einer imaginären bekloppten Verfolgungsjagd konditionell zu verglühen.
Könnte mich ja wieder zurückfallen lassen um mich dann wieder von der langsameren Gruppe einsacken lassen...welch Schmach und welch katastrophaler Knick in der Psyche...also NEIN!
Oder noch mehr Tempo machen um doch noch eine schnellere Gruppe vor mir zu erwischen...kaum möglich bei bereits 175 Puls...also NEIN!
Ewig so weiterfahren und konditionell komplett verbrennen, noch vorm Jaufenpaß und Timmelsjoch?...NEIN!
Aber was sonst? Die Verzweiflung wächst, vorm geistigen Auge sehe ich meinen Laktatgehalt über jedes Maß schnellen...wenn’s so weitergeht machen meine Muskeln bald zu....scheiße!
Da! Am Horizont ein weiterer Schwachmaat der sich alleine hier auf der Landstraße den Gegenwind gibt. Den hole ich mir und ruhe mich in seinem Windschatten erst mal aus. Aber auch der ist auf Dauer zu langsam und es folgt ein weiterer Ausreißversuch um wieder nach der ganz-toll-passenden Gruppe zu suchen und so geht das noch einige Male weiter, bis zur zweiten Labestation, auf dem Brenner. Habe auf dieser Strecke durch diesen Blödsinn viel zu viel Energie gelassen, und das bei den „paar Höhenmetern“. Gegen jede Planung, gegen jede Vernunft, wie ein depperter Radl-Idiot aus dem Lexikon der schlechten Beispiele.
Jetzt brems ich in die Labe ein, hänge mein Rad zittrig in die Abstellgitter und wackel mit überanstrengten Muskeln und weichen Knien zu den Versorgungsständen. Ganz toll Holger, klasse gemacht, am Jaufen werde ich zusammenbrechen. HER MIT DEN BANANEN!
Nicht lange aufhalten bei der Labe. Bei kaltem Wind, Regen und Millionen von aufgeweichten Bananenschalen auf dem Boden ist das sowieso kein Ort der Gemütlichkeit. Aufgesessen und ab in den Downhill. Die Abfahrt nach Sterzing ist unspektakulär, viel Regen, mal kurz über 73 km/h und da ist auch schon Sterzing.
Sterzing – Jaufenpaß
11:37 Uhr. Sofort nach Sterzing geht es ohne Gnade einfach nur bergauf bergauf bergauf. Über 15 km mit mittlerer Steigung von 7,4 %. Zum Glück hatte ich meine Schaltung auf diesen Horror vorbereitet und kann jetzt auf eine 30/24 bzw. 30/27 zurückgreifen. Eine 30/30 – Kombi habe ich mir als „Rettungsanker“ fürs Timmelsjoch aufgesteckt.
Ich staune über die Kraftbolzen, die mit normalem „Standard“ 39/24 hier hochdrücken, meist im Wiegetritt, aber einige schaffen das.
Aber einige schaffen das auch nicht, und somit begrüße ich die ersten Absteiger und Schieber...zur eigenen Motivation mit einem LAUTEN und EXTRA fröhlich-freundlichen „GRÜß DICH“....was unter Biker beim Wettkampf soviel heißt wie „Fahr endlich weiter und QUÄL DICH DU FAULE SAU“.
Zwischendurch stelle ich fest, dass ich eine meiner beiden 1-Liter Flaschen bisher nicht gebraucht hatte. Auch für den Jaufenpaß hier werde ich die nicht anrühren müssen. Ein Fehler im System! Da spart man an jedem Gramm des Fahrrades rum und optimiert und schraubt und macht, um sich dann beim Wettkampf ein ganzes Kilo ungebrauchtes Wasser dranzuhängen. Ich überschlage mal: will man 100 g am Rad sparen, kann man ganz grob mal Kosten von 100 zusätzliche € ansetzen...das heißt, ich fahre hier 1000 € Tuning-Potential (Wasser) den Berg rauf.
Naja, vielleicht brauch ichs ja am Timmelsjoch...
Die Labe auf dem Jaufenpaß ist allerfeinst, jedenfalls für mich. Ein gutaussehendes Mädel kommt mit einem Bauchladen voller Kirschkuchen auf mich zu, Apfelsaft ist auch greifbar, ich muß nicht mal vom Rad, um mich herum Hungerneid und Fress-Hektik, ich kann mich schnell vollstopfen und weiterfahren...leider.
Jaufenpaß – Sankt Leonard
Der Downhill vom Jaufenpaß ist mit das Beste was der Ötzi-Marathon für mich zu bieten hat! Für Autos gesperrt, für uns lebensmüde Biker freigemacht und abgesichert, Gehirn aus, Kette auf großes Kettenblatt geschmissen und ab geht’s.
Ich habe Glück, bin in einer kleinen Gruppe von Fahrern, die offensichtlich auch Motorraderfahrung haben. Das erkennt man am Stil wie die Kurven angebremst und genommen werden, also kann endlich gegenseitiges Aufpassen und Rücksichtnahme bei dieser Gruppe entfallen ...„nonverbale Kommunikation“?....und mit Vollgas diesen 20 km langen (kurzen) Downhill runter.
In den Kurven wechselhafte Nass-Trocken-Bedingungen, Schräglage bis Rutschgrenze ausgereizt, beim Vordermann genauso, jetzt bloß keinen Reifenplatzer...der Abflug wäre spektakulär, jedenfalls fürs Fernsehen. Allzu große Endgeschwindigkeiten kommen aber nicht auf, da die unendlich vielen 180°-Kehren immer wieder das Tempo rausnehmen.
Sankt Leonard – Timmelsjoch
13:42 Uhr. Nun gilts. Sankt Leonard kurz tangiert und ab in die Steigungen zum Timmelsjoch. Dieses Monstrum habe ich mir im Meranurlaub angesehen...und als wirklich grenzwertig eingestuft. So genial und motivierend die Landschaft und Bergwelt auch ist, so unglaublich beeindruckend wirkt der Ausblick von Moos aufs Timmelsjoch auch auf die Psyche.
Ich bin vorgewarnt und weiß, dass nach Moos i.P. der Berg erst anfängt, was einige anscheinend nicht wissen und dieses Unwissen mit viel Jammern und Fluchen belegen. Ich mache das was hier für alle angesagt ist und kurbel mich im sehr kleinen Gang energieschonend rauf.
Hin- und wieder werde ich noch überholt, aber die Anzahl der von mir Überholten ist größer, anscheinend sind die negativen Auswirkungen meiner saublöden Brenneraktion nicht so gravierend wie befürchtet. Oder die psychischen Auswirkungen des Ausblicks auf das Timmelsjochs sind für die anderen besonders nachhaltig kraftraubend, keine Ahnung. Jedenfalls läuft’s ganz gut...soweit...so einigermaßen...was ist daaaas?!
Ein Krampf! Ein Krampf in der rechten Wade. Bzw. ein Beinahe-Krampf. Direkt jetzt und hier an der Steigung aller Steigungen, am Wichtigsten und Brutalsten was der Ötzi zu bieten hat! Schnell trinken, schnell schnell die Kette auf mein Spezial-Marchisio-Tuning-Ritzel und auf die 30/30 gewechselt. Mit der 1:1 Übersetzung kann ich nun zum Glück einigermaßen mein rechtes Bein entlasten und kurbel mit 1,5 Beinen das Timmelsjoch rauf.
Und hier sieht man sie wie in den Büchern beschrieben, die schiebenden, sitzenden, liegenden, platten, halbtoten und verendenden Kollegen im Profioutfit am Wegesrand.
Ich höre in mich rein...gibt’s noch was, außer den Krampf, was weeeeh tut? Der Hintern...klar. Aber sonst? Noch irgendwas, was mich zum sofortigen Aufgeben zwingt? Mich zum Schieben oder Hinlegen nötigt? Nein? Aha. Also weiter und genug gejammert.
Mein Plan sieht nun vor, ab hier, so vielleicht 700 hm unterhalb des Timmelsjochs vor den letzten (vielen) Kehren, mit der bisher gesammelten und „eingesparten“ Energie, Vollgas zu geben, Zeit und Punkte gutmachen, Positionen schinden, unter 10 h Fahrtzeit rauskommen, scheiß was auf den Puls. Hier wollte ich so dermaßen in die Pedale treten, das sich der Vorbau verbiegt, die Kette knarzt, die Überholten hinterherwinseln, die Pulsuhr flimmert und bergauf Fahrtwind aufkommt.
Stattdessen...nix. Nur halblebiges eintöniges Raufgekurbel bei 155 Herzfrequenz. Keine versteckte Zusatzpower mehr abrufbar, nur noch „gespeicherte“ Trittfrequenz vorhanden, getragen von irgendeiner mentalen Härte und der Aussicht, bald oben zu sein.
Irgendwo oben, fast ganz oben, gibt’s noch eine kleine Labe, irgendjemand reicht mir während der Fahrt Cola, ich nehme sie an, fahr drei Meter weiter und halte, um mir meinen zweiten Powerbar auszupacken. Es geht nicht anders, Energie muß her!
In mich versunken und mit dem Riegel beschäftigt positioniert sich ein Kameramann vor mir, blöd grinsend. „Lohnt sich die Schinderei?“ werde ich gefragt, ohne Vorwarnung, zu müde für eine schlagkräftige Antwort. „Ja, sonst würde ich das ja nicht machen“....hohohoooo. Tolle Antwort, die Intelligenzbestie hat geredet.
Der Typ lächelt verstört, ich grinse noch kurz gequält in die Kamera und fahre weiter.
Jetzt könnt’s dann auch mal vorbei sein mit dem Fahren. Das meint auch mein Hintern und meldet sich schon seit längerer Zeit mit SCHMERZEN.
Timmelsjoch – Sölden
16:26 Uhr. Der Paß wird regelrecht überfahren, kurzes Stoppen um die Wind- und Regenhülle überzustülpen und wieder rein in den Downhill. Nach relativ kurzem High-Speed-Vergnügen kommt ein Gegenanstieg. Den kenne ich nur aus diversen Höhenprofilen und staune nicht schlecht, als sich vor mir nochmals ein Berg mit einigen Kehren und ordentlicher Steigung auftut.
Das ist überhaupt die größte Katastrophe für mich...auf Downhill eingestellt und mit dem Kopf schon im Ziel...um dann an einem kapitalen Gegenanstieg aufzuschlagen.
Woher soll jetzt noch Kraft für ein Uphill kommen!? Das weiß hier wohl niemand, denn auch die anderen machen deutlich schmerzverzerrte Gesichter. Das Wetter ist seit den letzten Anstiegen am Timmelsjoch miserabel geworden, kalter 5°-Regen mit Tendenz zu Graupelschauer und starkem Wind....Gegenwind.
Und irgendwie geht’s dann doch, so wie alles bisher, und es geht weiter 1100 hm bergab nach Sölden. Die letzten Kräfte werden mobilisiert, jetzt bloß kein Fehler machen auf der glitschigen Straße, und noch eine Kuh im Tunnel, und noch ein bisschen Kuhscheiße in der Kehre, aber jetzt alles auf ein Karte, will noch ein paar Biker vor mir kassieren. Vollgas, wir preschen durch einen kleinen Vorort, und noch einer, und noch einer...und da ist Sölden. Ich überhole ein paar Autos und da ist der Zielbreich. Ein letztes Mal Schräglage, dann rolle ich mit unbegremstem Schwung über die Ziellinie.
Kein Applaus, kein Beifall, nur nassgeregnete und ermüdete Zuschauer. Wer ist hier gefahren...ihr oder ich?!
Nach 10 h und 35 min: Ein junges Mädel kommt mir entgegen, drückt mir mit einem Lächeln einen Gutschein für ein Finisher-Trikot in die Hand, nimmt mir den Chip zur Zeitmessung vom Fuß, geschafft.
Das nächste unmittelbare Ziel ist eine heiße Dusche in der Pension. Und das diese Pension ganz oben am Hang von Sölden liegt, ca. hundert Höhenmeter über mir, ich schaue frustriert nach oben, bereue ich gnadenlos, aber das packe ich jetzt auch noch. Los geht’s.
H.

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