Ötztal Marathon 2006
6:30
ZAA-WUMM!!
Mit einem lauten Knall und roten Leuchtraketen wird der 25. Ötztaler Radmarathon eröffnet. Adrenalingepeitschte Höhenmeterjunkies rasten fiebrig ihre Klickpedale ein. Zlack-Schnack-KlickKlick-Zap-Zalack. Sehnige Beinmuskeln spannen sich bis zum Bersten, fettfreie Oberkörper beugen sich angriffslustig über mattglänzende Carbonlenker, gemein aussehende Sonnenbrillen werden auf kantigen Schläfen zurechtgerutscht. Und dann....
Nichts! Gähn.... Es dauert bald 10 Minuten bevor sich der Pulk aus 4000 Startern langsam rollend in Bewegung setzt. Mit einem Bein im Pedal wird erstmal 300 Meter angeschoben bevor es eingermaßen losgehen kann.
Dann nach Sölden endlich freie Fahrt. Das ist aber relativ. Ich heize in einer Woge aus Helmen, Lenkern und sirrenden Laufrädern ins Tal. In diesem Rad-Tsunami mit gut 40 Sachen ist kein Anfang und kein Ende zu erkennen. Hier darf nichts und niemand den endlosen Strom unterbrechen oder einen Fehler machen, sonst wird alles und jeder überrollt. Anhalten ist nicht vorgesehen.
Reif für die (Verkehrs-) Insel
Plötzlich Geschrei und Unruhe im Pulk. Was ist da los? Ich kann nix sehen! WO? WO? Schlagartig reißt der Fahrer vor mir den Lenker nach rechts und gibt den Blick auf die Verkehrsinsel vor meinem Vorderrad frei auf die ich gerade zurase. Waaahh!! Kurz vor den Blumenrabatten schaffe ich es noch nach rechts auszuweichen und mich irgendwie durchzuwurschteln. Uff, jetz bin ich wach! Daß es Vergißmeinnicht waren, nehme ich ich als symbolische Warnung mit. Schön aufpassen! Ja nicht vergessen.
Falling Down
Keine drei Kilometer weiter taucht vorne links plötzlich ein Teil des Feldes ab. Begleitet vom häßlichen Krachen und Schleifen teurer Carbon- und Alurahmen raspeln 10-20-30 Fahrer sitzend, liegend, halb auf dem Rad hängend, gerade fallend, schreiend über den Asphalt. In Sekundenbruchteilen wird das wirre Knäul aus Sätteln, Körperteilen, Helmen und Speichen größer und bewegt sich mit atemberaubender Geschindigkeit auf mich zu. Die zwei Typen schräg vor mir eiern ineinander verheddert in den Graben und geben mir eine schmale Lücke frei. Mein Ticket in die Freiheit! Ich trete voll an um mit der Flucht nach vorne dem nachfolgenden Chaos zu entkommen! Dabei werde ich noch von einigen Kleinteilen scheppernd überholt, die ich nur aus dem Shimano Ersatzteilkatalog kenne. Pfff. Durchgekommen.
Sojus 11 startet vom Ausfallende
Ich erhole mich gerade vom ersten Schock als 800 Meter weiter vom Nebenmann plötzlich ein lautes Schreddern mit nachfolgendem Knall kommt. Bevor ich weiß was da geschieht steigt ein Campagnolo Schaltwerk sputnikgleich vom Ausfallende des Pechvogels auf und fliegt im 3m hohen Bogen quer über die Straße um funkensprühend auf dem Asphalt einzuschlagen. Kopf einziehen! Vermutlich war das ein Spätschaden von der Massenkarambolage. Die nächstbeste arme Sau fährt zackig drüber und ist damit auch raus. Schluck! Wo bin ich denn hier gelandet?
Nach solchen Aufregungen geht's dann im Pulk endlich das Kühtai rauf. Da passt kein Blatt zwischen die Bikes. Ständig brüllt einer. "Von links!" (überholen), "Von rechts!" oder es fummelt mir einer am Hintern um seine Überholabsicht zu signalisieren. Alles ist hier knalleng. Der Typ vorne rechts auf 2 Uhr furzt zu allem Überfluß auch noch das ganze Feld voll. Außerdem quietscht seine Kette. (ist noch viel schlimmer zu ertragen) Nach dem fünften Lungenzug hab ich die Schnauze voll und gehe vorbei. Jetz friß Staub, du Sau! Nach 1000hm bei bis zu 18% Steigung hat sich dann das Feld etwas gezogen. Die ersten geben hier schon auf. Wahnsinn! Wie kann man so unvorbereitet beim Ötzi antreten? Schade um den blockierten Startplatz.
Kurz vor der Paßhöhe hat dann ein verständiger Hardrock-Aktivist einen 3000 Watt Lautsprecher aufgestellt und dazu die richtige Marschmusik aufgelegt. Das ganz Tal wird zugewummert: "Cause I'am TNT. Oi! Oi!" Geil! Ich bolze im AC/DC Wiegetritt die letzten Meter hoch! Aus dem Weg ihr Penner!
Survival of the Fittest
Oben am Verpflegungsstand herrscht Chaos. Wohin mit dem Radl? Jede Bierbank, jeder Strauch, jede Hauswand ist mit Pinarellos, Cubes, Scotts und Cannondales gepflastert. Der Asphalt Belag der Straße wurde kurzfristig durch eine Mischung aus zermatschten Bananen, ausgelaufenen Powergels, Plastikverpackungen und zetretenen Käsebroten ersetzt. Überall Getümmel und Gedränge. Schweißüberströmte, rücksichtslose Typen auf der Suche nach Treibstoff. Der nackte Kohlehydratdarwinismus. Links, rechts, vorne, hinten wird gegen alles gepisst was irgendwie senkrecht ist. Häuser, Autos, Scheunen, Büsche oder nackt im Wind. Alles ist jetzt recht.
Nix wie weg von hier. Schnell noch mit gegen die Hauswand pinkeln und das Käsebrot auf die Straße werfen, dann stürze auch ich mich ins Tal. Mit knapp 90 Sachen geht es auf nasser Straße halsbrecherisch über Weideroste mit dem Haftungskoeffizienten von geöltem Glatteis. Vorbei an Kühen die mitten auf der Fahrbahn stehen und vermutlich den Angstschweiß von der Straße schlecken wollen. Alles überholt, alles gewonnen, alles gutgegangen. Puuuhh...
Müdes Gegurke am Brenner
Dann weiter Richtung Brenner. Den hab ich total unterschätzt. Eigentlich eher flach, aber die Auffahrt ist windig und lang. Ich bin noch dazu in einer Faulenzertruppe gelandet. Alle schleichen provozierend langsam durch die Gegend und warten darauf, daß endlich einer die Führung übernimmt. Nach kurzer Zeit wird es mir zu bunt und ich fahre nach vorne um Gas zu geben. Jetzt hab ich die ganzen Lutscher natürlich am Hintern hängen! Nach wenigen Kilometern habe ich auf die Meute keine Lust mehr und starte einen Ausreißversuch. Weil natürlich keiner von den Schmarotzern die Lücke zufahren will, hab ich leichtes Spiel und bin weg. Da fahr ich lieber ganz alleine! Kann ich garnicht leiden, solche Typen. Etwas demotiviert eier ich weiter bergauf.
Krämpfe und Dampfplauderer am Jaufenpass
Nach der zweiten Jause mit den ersten Krämpfen im Bein Richtung Jaufenpass. So ein Scheiß!! Elend lang, saumäßig anstrengend. Wenn man denkt, man ist oben kommen nochmal 8 Kehren. Aaaarghh. Zwischendrin mußte ich mir einen "Coffinated Coconut Crisp" Powerbar reinwürgen ohne zu kotzen. Das war das allerschlimmste!
Oben sind es dann 4 Grad in naßgeschwitzten, regendurchnässten Klamotten bei Sturmböen. Als ich absteigen will, stell ich das rechte Bein auf den Boden und kriege sofort einen unglaublichen Krampf im gesamten Oberschenkel. Linkes Bein raus : Das Gleiche!! Scheiße!! Ich stehe 3-4 Minuten über den Lenker gebeugt mit Dauerkrampf und kann mich nicht mehr rühren. ("He, Du da. Mach mal Platz!") Dann humple ich zum Verpflegungsstand und erinnere mich an irgendwelche Tips aus Radforen. Salz! Jawohl, ich brauch sofort Salz. Ich verbrenne mir mit zwei Riesenbechern Kraftbrühe die Klappe (Hier fragt der Vegetarier schon längst nicht mehr nach der Herkunft der Suppe...) und stopfe mir massig trocknes Brot rein. Die ganze Powerriegel Scheiße kann ich zu dem Zeitpunkt eh nicht mehr sehen! Hier treff ich auch den Bernd wieder. Als wir am Tisch sitzen kommt irgendso ein Dampfplauderer im roten Jäcklein daher und meint der Jaufenpass sei das schlimmste gewesen. Das nachfolgende Timmelsjoch sei ruckzuck gefahren und halb so wild. Hä? Hab ich immer andersrum gehört. Gibt mir aber Auftrieb!
Der Jaufenpass runter ist nur was für motorraderfahrene Biker: Mit 80 Sachen auf die Kehre zurasen, Bremsen qualmen lassen und ordentlich Schräglage. Banzai! Nach der Kehre wider antreten bis 60, flachmachen und dann das gleiche nochmal. (und nochmal, und nochmal, und nochmal, und....) Wer das nicht kann, gurkt bloß rum und verliert viel Zeit. (Ich nicht, hehe!!)
In Sankt Leonhardt wartet das digitale Damoklesschwert. Wer hier nicht bis 15:30 durch die Kontrolle ist, fliegt raus! Punkt 15:00 rase ich über den Teppich mit der Zeitnahme. Puuh! Allzuviel Reserven waren da nicht drin. Ich balle die Faust in McEnroe Manier. Jjjjj-ah!
Kanonenfutter für das Timmelsjoch
Dann beginnt der Anstieg zum Timelsjoch. Schlagartig heizt sich die Luft auf 32 Grad auf. Ich schwitze wie ein Schwein und reiße mir Jacke und Beinlinge runter. Ich bin froh über meine 1,5 Liter Trink Reserven. Jetzt noch 1700hm hochfahren!. Ach, du Scheiße! Beim Aufstieg liegen schon die ersten Leichen im Straßengraben. Hier werden Schicksale geschrieben! Fluchende, heulende, jammernde alte Männer liegen, stehen, fahren, laufen wie die Lemminge ihrem individuellen Ende entgegen. Da hilft kein DuraAce, kein Carbon, kein Polarpulsirgendwas, kein US Postal Shirt. Nix! Mann gegen Berg. Rauffahren oder nicht. Am Himmel steht in in blutroten, flammenden Buchstaben "WARUM?" geschrieben.
Ich halte mich zäh im Sattel, auch wenn die Versuchung zum Absteigen verdammt groß ist. Die schweinehundischen, inneren Stimmen locken süß. ("Na komm, halt doch auch mal an". "Nur kurz." "Ruh dich auch mit aus." "Da vorne ist es grad günstig." "Wir wollen nur Deine Seele") Schnauze!! Jetzt nicht aufgeben! Noch bis zur Verpflegungsstation hochdrücken - Wiegetritt - alles geben. Jaah..., geschafft.
Nochmal Suppe reinhauen. Wirkt anscheinend. Die Krämpfe haben ziemlich nachgelassen. Dann noch einen Red Bull hinterherkippen und die autonomen Reserven angreifen. Der härteste Teil kommt genau jetzt! Die Aussicht auf das drohende bzw. lockende Ende mobilisiert nochmal meinen Kampfgeist. Ich weiß garnicht wo das noch herkommt. War es der "Flügelverleihdrink"? Keine Ahnung. Mit Schaum vor'm Mund und furchterregendem Irrsinnsblick überhole ich mindestens 40 Leute. Jack Nickolson in "Shining" sah bestimmt nicht besser aus. Die Getränkestation Seeberalm lasse ich gleich mal links liegen. Aus dem Weg da vorne! Jetzt gilt's!
Absturz vom Höhenflug
Sechs Kurven weiter macht es plötzlich "Tilt!". Sicherung raus! Saft abgedreht! Kraft weg! Motivation weg! Alles weg! Wie das? War wohl doch nur der Wunder-Drink.... Die Flügel sind total gestutzt. Immerhin kann ich mich mit dem inneren Notstromaggregat irgenwie weiterquälen und halte meine Position einigermaßen. Unterwegs hab ich schlimme Gewaltphantasien in denen Radfahrer mit roten Jacken (Jaufenpass!), Kettenpeitschen, Zahnarztwerkzeuge und Mühlsteine eine große Rolle spielen. Der Tunnel mit der Paßhöhe ist schon in Sicht, trotzdem schmeißen noch einige heulend und entkäftet die Flinte ins Korn (bzw. den Rahmen ins Gebüsch) Dann nochmal ein paar Rampen. Hört das denn nie auf? (Immer wenn Du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo eine Kehre her!)
Wir sind Helden
Dann geht es durch den Tunnel. Von Triumph keine Spur. Innere Leere, Durst und Schmerzen, Ignorierter Harndrang. Nach der Mautstation regnet es dann richtig. Eisige 4-5 Grad, durchweichte Klamotten und jetzt der Abflug:
Startbahn Timmelsjoch. Flight Nr. 2826. Destination Sölden. GO!
Die Hände sind steifgefroren, die Zähne klappern, alles schmerzt und zittert, der Blick verschwimmt. So ähnlich muß sich die Ötztal-Mumie kurz vor dem Ende auch gefühlt haben. Mit Tempo 75 knalle ich in den Gegenanstieg rein. Die Hoffnung mit viel Schwung einen Großteil der Steigung mitzunehmen, verpufft an den folgenden 10-12% und 200 Höhenmetern. Die Beine fühlen sich an wie weichgekochte Nudeln. Nix geht mehr. Schon nach wenigen Metern hab ich alle Blätter und Ritzel durchgeschaltet und bin schon wieder auf dem 30er Ave Maria-Hilfskranz. In Zeitlupe gurke ich irgendwie hoch.
Kleine Siege
Endlich bin ich oben. Aber jetzt geht es wirklich nur noch bergab. Die letzen paar Kilometer habe ich mit einer Gruppe von 25 Gleicherschöpften bergauf ums Überleben gekämpft. Als der Zug vor der nächsten Kehre bremst, lasse ich als einziger gnadenlos stehen und gehe außen am gesamten Feld vorbei. Dann erst im letzten Moment in die Eisen. Ich schlinger spektakulär ums Eck und schaffe es sogar noch bergab ordentlich anzutreten. Jetzt bin ich weg! Eine innere Stimme sagt: "Laß gut sein, alter Depp!" Völlig schwachsinning und wurscht bei meiner Platzierung, aber irgendwie halt doch nicht.
I had a Dream
Um kurz nach 19 Uhr biege ich auf die Zielgerade ein. Der Sprecher kündigt einen Martin Bauer aus Deutschland an. Hä? Sonst ist keiner zu sehen. Meint der mich? Hoffentlich funktioniert mein Zeit Chip bei der Durchfahrt. Zuschauerjubel. Ein Banner "Ich hatte einen Traum", Red Bull Aufblasbühne, Discomusik, zweimal antreten...jetzt kommt die Lichtschranke...
BLIP!
Geschafft!!

2 Comments:
Hi Hi. Der Bericht is ja nicht ganz unlustig. Nur: erstens pisst man ins Gras und nicht an Hauswände. Das stinkt nämlich. (Soviel zum Thema pupser). Zweitens: mir is ja beim Lesen vor Geschwindigkeitsrausch ganz schlecht geworden. Und dann kommst du um sieben rein? Oh je oh je. Das ist ja ein intergalaktischer Schnitt von doch immerhin knapp unter 20! Aber Selbstironie is ja auch immer gut.
Na, ja. So bierernst muß man die Schilderung der Abfahrten nicht nehmen... Ist schon dick aufgetragen. Bergauf konnt ich halt leider kaum jemand überholen. Ich war ja froh das Ganze überhaupt überlebt zu haben. Aber wartet nur nächstes Jahr! Da werd ich mal so richtig... und dann links und rechts vorbei...und dann voll hochkurbeln....und dann in 10 Stunden....JAWOLL! Wo ist mein Radl?!! Her damit!! TRAINING!!
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